Walz

Stenz, Charly und Obermann

 

Teil 1

„Du weißt wo Biglen liegt?“


Heute Nacht, oder besser gesagt den Rest dieser Nacht, ist „Tag– und Nachtgleiche“. Seit etwas über zwei Stunden brummt mein Auto mit mir … oder ich mit ihm, über die Autobahn. Eben haben wir einen Tankstop eingelegt. Mein Auto bekam 75 Liter Diesel, Waschwasser für die Scheiben und rundum einmal Scheiben waschen. Ich, einen Becher pappigen Kaffee, ein gummiartiges Sandwich und ein Tütchen Fisherman’s Friend Original, zum Wachhalten der Geschmacksnerven. Einkuscheln in den Sitz, klick der Gurt, starten der Maschine … noch zwei Drittel vor der Brust. Es ist Sechs Uhr und bis Sonnenaufgang noch eine Stunde und ein paar Minuten. Was man nicht alles tut, um die Enden zusammen zu bringen. „Wir treffen uns um 11:00 Uhr zum Apero unten am See, wie letztes Mal. Wenn es später wird … sei's drum, wir warten!“, erklärte mir mein Geschäftspartner. „Hauptsache du kommst!“

 

Im Anrollen Gurt zurechtlegen, erster Schluck vom Pappkaffee, Biss in das Sandwich und wahrnehmen, dass sich in der Auffahrt zur BAB ein Schatten bewegt ist eins. Ein Obermann*, ein Charlie* und ein schlanker Stenz*, eine Kluft* „Einer auf der Walz*! Kloß im Hals, feuchte Augen, blitzartige Erinnerung. Ich selber habe nie getippelt, war nicht auf der Walz. Mein Großvater, Vater - die ja! Und meine drei älteren Brüder. Dass ich, egal was ich auch mache, nie unsere Zimmerei übernehmen kann/werde, war von Anfang klar. „Du warst nicht auf der Walz!“, höre ich im Geist und stehe schon auf der Bremse. Die Scheibe schnurrt nach unten.

 

„Wohin des Weges, Bruder?“ Staunendes Aufblicken. „In den Süden … südwärts, zur Grenze.“ …und es ist eine SIE, eine Tippelschwester! „Auf der Walz?“, unterstreicht mein etwas befremdliches Gucken. „Ja, ich habe gehört, im Süden gibt’s noch Arbeit!“ - „Zimmerin?“ Sie nickt und beim Lächeln, bilden sich kleine Fältchen um ihre Augen … „Im zweiten Anlauf!“ Sie schiebt sich mit Stenz, Charli, Aff* und Obermann auf den Beifahrersitz. Das gesunde Misstrauen gegenüber einem Fremden in der Fremde. Ein Griff in meine Jacke: „Damit du weißt, mit wem du im Auto sitzt! Leg doch die Sachen hinten hin – ist bequemer zu sitzen." Ein Blick auf meine Karte, und beim erneuten Lächeln kräuseln sich auch Fältchen auf der Nase. Ihre Habe fliegt auf den Rücksitz, und meine Karte verschwindet auf der Innenseite ihrer Staude* in einer „Geheimtasche". Nur ein kurzes „Danke“, und wir fädeln uns in den dichter werdenden Morgenverkehr ein.

 

Ja, wir beide mustern uns, wortlos, versteckt, mit schnellen Seitenblicken und einem feinem Lächeln, wie eine Entschuldigung. Wir warten beide ab, wer den Reigen eröffnet. Sie hat dunkles Haar - zu einer zweckmäßigen Kurzfrisur geschnitten, einen schmalen Nasenrücken, ein langes Gesicht mit hohen Backenknochen und längliche Ohren … freistehendes Ohrläppchen mit der „Ehrbarkeit“*, der Axt & Kelle. Mehr sehe ich nicht von ihr. Ab und an kommt eine Hand hoch. Lange schmale Finger, schlanker Puls, keine Ringe, keine Uhr, und im rechten Ohr nur ein kleiner Glitzerstein, der sich in der Scheibe spiegelt. Ihr Duft, die Marke von Menschen auf der Reise, von Menschen die aus dem Rucksack, dem Plünjesack*, dem Charlottenburger leben. Ein mir vertrauter Geruch, ein Geruch den ich lange Zeit selber „getragen“ habe. Eine Mischung aus getragener, nicht schmutziger Kleidung, frischer Luft, Scheune und Heu, etwas Käse und geräucherten Speck, Wirtshaus, Seife, Hirschtalg und Balistol. Ja, sie – die hat sicherlich Balistol im Ranzen. Ganz fein der Geruch… trotz „Airco“. Sie hat ausgeprägte Augenbrauen, wenn sie zu mir rüber schaut, einen großen Mund mit vollen Lippen über einem … energischen Kinn, und eine mehr als nur erahnbare Brust hat sie auch.

 

Wechseln der BAB … „Was ist für dich Süden?“ Ich kann mir das Necken nicht verkneifen. „Rom, Sizilien, Tripolis, Kapstadt?“ Beim jetzigen Lächeln kommen auch noch Grübchen hinzu. „Südlich Basel!“ kommt die nicht sehr präzise Antwort. „Wenn es dir zu warm wird, zieh die Joppe aus! Und was ist für dich "südlich Basel"? - Ich fahre nach Luzern!“

 

Wuschelige Gymnastik beim Joppe-ausziehen und Zettel-suchen im Wirrwarr der Taschen. „Kennst du Biglen oder Sumiswald?“ Sie streckt mir einen halben abgebrochen Bierfilz hin. Mit breitem Zimmererblei geschrieben: Gysler, Biglen! - Gygax, Sumiswald. „Hey, brems!“ Ihr Beinahe-Schrei bringt mich zurück. Mein Bleifuß in die Eisen spannt die Gurte! Der Adrenalinstoß und ihr langer Blick zu mir bringen mich zum Schwitzen und in Verlegenheit. „T’schuldigung, ich habe dich abgelenkt.“ Nach einer kleinen Pause … „Bin es nicht gewohnt, dass einer 200 plus dübelt!“ Dieses kleine Intermezzo löst die Zungen.

 

„Kennst du Biglen? Wo liegt das?“

„Auf dem kleinen Umweg nach Luzern!“

„Du weißt, wo Biglen liegt?“

„Ja, das Emmental rauf, dass Entlebuch runter, und du bist in Luzern!“

„Und Biglen, wo ist Biglen?“

„Im Ämmital und Sumiswald auch gleich daneben!“

Im Land des Großlochkäses?“

„Ja!“

„Pass auf, der schert aus!“ Ihre Warnung kommt prompt. Die hat vielleicht ein Auge! Augen hat die, wohl gleich ein halbes Dutzend. „Das ist vielleicht ein Arsch!“ Mit Verachtung im Tonfall wird das Ausscheren kommentiert. Bei ihrem Namen habe ich gerade nur mit etwas mit „W“ und „i“ verstanden, und sie vermeidet auch eine direkte Anrede, so dass vermutlich auch mein Name nicht richtig rüberkam.

 

Die kleine Unterbrechung lässt auch das Thema wechseln und … „ Die Jungs von der Tankstelle haben mich mit Kaffee zugeschüttet. Ich müsste Mal!“ Sie zeigt auf das „P“ - Schild. „Brauch keinen Topf … ich habe meine Pipeline mit. Als alter Freibeuter gehe ich auch lieber in der Natur pinkeln, als in so einem  gestylten  Einheitserleichterungsraum. Daher bin auch ich deutlich über dem Sollpegelstand.

Die Türen fliegen auf. Ich strebe nach links zur großen Ulme und merke, dass sie mitstiefelt und nebenher in der Zollstocktasche fummelt. Keinen Armlang steht sie neben mir. Surren der beiden Reißverschlüsse; Latz runter und ihre Pipeline wird angesetzt. Ich kann einfach nicht weggucken, wie sie mit aller Natürlichkeit der Welt ihre „Pipeline“ ansetzt und nach zwei Schaufern aufrecht stehend, wie wir Kerle … losstrullert. Ich habe erhebliche Mühe mein Losschlagen einzuleiten.  „Hast du Wasser im Auto? Zum Spülen!“ Und sie zeigt mir das kleine Teil. Ein, eine große Spanne langes Röhrchen, leicht konisch mit schrägem Anschnitt, mehr nicht. „Meine Pibella®!“ Ohne Verklemmtheit oder Schamhaftigkeit erzählt sie mir, dass sie auch ein zweites Teil hat; mit dem sie im Liegen pinkeln kann! „Du glaubst gar nicht, wie schön und entspannend es ist, wenn du nachts nicht ‚Raus musst‘!“

 

Wir „dübeln“, wie sie es zu nennen pflegt, an Heidelberg und Karlsruhe vorbei, stramm auf Baden-Baden zu, als mein Handy die Stille unterbricht … sie aus einem Hasenschlaf weckt. „Guten Morgen, Beat!“, tönt es im schönsten Entlebucher Dialekt aus der Freisprechanlage. „Wo steckst du?“ - „So etwa halben Weges zwischen dir und mir!“ - „Kannst Bodenkontakt aufnehmen. Die Mailänder kommen erst am späten Nachmittag!“ Aus den Augenwinkeln sehe ich, wie sie in ihre Staude greift, meine Karte hervor holt. Ihr Blick flittert zwischen Karte, Lautsprecher und mir hin und her. „Jetzt hast du ja Zeit deine Nostalgieroute zu tuckern.“ Einer Eingebung folgend … „Jetzt gehe ich erst mal „Z’mörgele“!“ - „En Guete! u Tschau.“

 

„Was war das jetzt?“ Kerzengerade sitzt sie halb mir zugewandt da. „So reden die Leute da, wo du hin willst.“ Sie hält mir meine Karte hin. „Du bist auch ein Holzwurm?“ Mein breites Grinsen bringt sie in Wallung. Daher deine Kenntnisse über uns … Bist du einer von uns?“ Ich erzähle, dass ich auch Zimmerer bin, aber dann weiter ging - zum Studium, erzähle von meinem Großvater,  vom Vater und meinen Brüdern, dass in der Familie mittlerweile drei Zimmererbetriebe bestehen, dass ich nach der Lehre im Streit von Zuhause auszog, weil ich mich nicht dem Familienzwang unterwarf und meine eigenen Wege ging und daher auch im Ausland bin. „Und der?“ Sie zeigt mir den halben Bierfilz. „Den scheinst du auch zu kennen!“ -  „Meine Urgroßmutter, als die Jüngste, und sein Großvater, als Ältester waren Geschwister!“

 

„Dann würde ich also Schweizerin!“, flüstert sie mehr zu sich selbst, als für andere bestimmt. „Was war das gerade?“ Jetzt ist es an mir, kerzengerade im Auto zu sitzen. Was folgt ist sehenswert. Ein feuerroter Kopf, akrobatisches Fingerwinden zwischen zusammengepressten Beinen, hochgezogene Schultern. Verlegenheit pur. Fast patzig, trotzig schnappt sie: „Lass mich!“ - „Weißt du was Z’mörgele ist?“, durchbreche ich die Stille. Kopfschütteln mit gesenktem Blick. „Gemütlich Frühstücken! - Dann komm doch mal mit … Dann können wir ja mal „Frau Beyeler üben!“ Und jetzt finde ICH Gefallen an dem Gedanken, diese Frau an meiner Seite zu haben. Hünsch, dieser locker federnde Gang, die anmutig runden Bewegungen der Arme und Hände und auch die kokette Kopfhaltung. Wache, neugierig taxierende Blicke für ihre Umgebung hat sie. Auf dem Weg zum Restaurant macht sie mich auf mindestens vier „Ungereimtheiten“ aufmerksam. Dann bleibt sie stehen und hält mich am Ärmel fest, mit verlegen gedruckstem, zu Boden gerichtetem Blick. „Vorhin, eben … wegen der „Schweizerin“ … ist mir so rausgerutscht!“ Scheuer Blick von unten, und als sie mein Lächeln sieht, geht es mutig weiter: „Wenn ich jemanden nett finde, so nett, dass ich mir ein Wiedersehen vorstellen könnte – dann stelle ich mir ganz schnell viele Dinge vor. Das habe ich schon als kleines Mädchen gemacht!“  Und man hört förmlich wie ihr der Stein vom Herzen fällt.

 

Einer Erinnerung folgend, bücke ich mich und hebe den imaginären Stein vom Boden auf und stecke ihn, in das ebenfalls imaginäre Brett. Ihr fragender Blick wird beantwortet: „Damit hast du diesen Stein bei mir im Brett!“ Mit ihrem Obermann und in Kluft fällt sie als Frau sowieso auf. Von Statur und Habitus her, würde sie schon in mein „Beuteschema“ passen, und als wir an der Glasfront vorbeischlendern, bleibe ich einfach stehen. „Voila Madame Beyeler! Sind wir nicht ein schönes Paar?“ Sie merkt, dass ich sie necke, sie schiebe und nimmt dankbar den überbrückenden Faden auf und verknüpft mein Unwissen um ihren Namen mit der passenden Antwort.

 

„Lidwine Beyeler-Harms.“  Man kann ihr sofort anmerken, dass sie fühlt, dass der vermeintliche Patzer neutralisiert ist. „Auf der Walz nenne ich mich Winnie!“ - „Und ich, wie soll ich dich nennen?“ Das ist eine freche Testfrage. Wenn sie „Winnie“ ansagt, bin ich nur eine Walzbekanntschaft und nur dann „Lidwine“, wenn etwas in ihrem Herzen klingt. Sie merkt die Fangfrage, und die Antwort macht sie noch sympathischer. Der Ball kommt mit Rückhand zurück. „Mein Herz mag keine Abkürzungen!“

 

Wir bunkern unseren „Z’morge“: Rührei mit krossem Bacon, Wurst, Käse, Saft, Kaffee, Pumpernickel, Brötchen, Honig, Konfitüren und Croissant. In der zweiten Hälfte des Frühstücks, als der Fresstrieb unter Kontrolle ist, beginnt Lidwine zu erzählen. Harms wäre ja ein geläufiger Name und Lidwine … Ihr Vater sei auch auf der Walz gewesen und habe seine Erinnerungen aus Flandern eben in ihr weiterleben lassen. Er war als Schmied auf der Rolle.

 

Sie erzählt, dass sie sich mit 25 Jahren, als Leiterin eines Kindergartens wieder fand und gegen fünf, zum Teil fast doppelt so alte Erzieherinnen um jede Neuerung kämpfen musste und vom kirchlichen Träger auch noch ausgebremst wurde. Nach einer frustrierenden Sitzung, traf sie anschließend im Schankraum zwei Zimmerer auf der Walz. Es war eigentlich ein Pärchen. ‚Der eine‘ war eine Zimmerin. Ihnen klagte sie ihren Frust, dass man ihr den Spielplatz wegen kaputter Geräte sperren wolle, und die Träger des Kindergartens kein Geld für neue Geräte locker machen wollten. Zwei Tage später hatte der Ort eine Attraktion.

 

Der Krauter* der beiden spendete das Material, und die zwei arbeiteten für Unterkunft und Verpflegung. Sie reparierten den Spielplatz und zeigten den Kindern, wie man mit  Hammer, Nagel und Zange umging.  Die Großen durften sogar schon sägen. „Beat, so viele glänzende Kinderaugen habe ich nie mehr gesehen … Und so viel Heftpflaster haben wir nie mehr verbraucht!“ Als die beiden fertig waren, habe ich meinen Schreibtisch leer geräumt und den Kindergarten abends abgeschlossen. Den Schlüssel habe ich in einen Umschlag gesteckt und mitsamt meiner Kündigung dem Pfarrer in den Briefkasten geworfen.“ Im Auto erzählt sie weiter. Ihr Vater habe ihr, als sie ihm das erzählte, nur auf die Schulter geklopft. „Da haben wir morgen wohl ein paar Gespräche zu führen!“ Mittags habe sie eine Lehrstelle gehabt und mit 29 Jahren elf Monaten und 25 Tagen… also auf den letzten Drücker sei sie „Fremdgeschrieben“ als Zimmerin und Schreinerin.

 

Ein erwartungsvoller Blick streift mich, so, als wollte sie sagen: „Jetzt du!“ Ich erzähle, wie ich den Erwartungen meiner Familie entfloh, meine drei Brüder und die Schwester - fest in die Tradition eingebunden - nicht verstehen wollten, dass ich ein „Frei-Denkender“ bin. Bei der Armee als erster nicht zu den Sappeuren ging und auch nicht auf die Walz. Dass ich mich auf eine Ingenieursschule einschrieb, Werkstoffkunde studierte und nebenher Konstruktionstechnik. Mein Bündel bekam ich vor die Tür gesetzt … von meiner Mutter, nicht vom Vater! Und dass ich zur Beerdigung meiner Mutter vor fünf Jahren das erste und seither letzte Mal wieder zu Hause war.

 

Lidwine schaut still aus dem Fenster. Direkt hinter Basel haben wir die Autobahn verlassen und kurven auf kleinen Straßen durch die Landschaft. Sie ist zum ersten Mal in der Schweiz und mir ist es ein Bedürfnis, ihr einige, kleine Eindrücke zu geben. La Chaux du Fonds, Vue des Alpes, Neuchâtel, Lyss, Bern, Worb und - Biglen. Ich zeige ihr dabei auch die Stationen meines Lebens - ohne es ihr zu sagen, zu erklären. Wenn sie beim Gysler „schinigelt“* wird sie automatisch einiges erfahren.

 

„Bei der nächsten Tag- und Nachtgleiche bin ich dann schon „einheimisch“* gemeldet!“ Versonnen starrt Lidwine in die vorbeiziehende Landschaft. „Auch nur, wenn du schuldenfrei bist!“ Sie faucht fast wie eine Katzenmutter „Das bin ich!“ und mit der nächsten Bewegung legt sich ihre Hand auf meine Schulter „T’schuldigung!“ „Das nennt sich hier „Exgüssee“ und wird wie von einem Breitmaulfrosch gesprochen.“  In unser Gelächter hinein stoppe ich auf einer Kuppe. „Komm mit…“ Ihre Hand nehmend, gehe ich auf eine kleine Erhöhung zu - mit einer Winterlinde. Sie ist umspannt von einer Rundbank. „In ein paar Minuten sind wir da. Lidwine, vor sechs Stunden bist du in mein Auto gestiegen. Es mag pathetisch klingen, aber du hast in mir einen Klang erzeugt.“ Da sitzt, mir halb zugewandt, eine ca. zehn Jahre jüngere Frau gegenüber, in Kluft, ihre schlanken, langen Finger zwischen den Knien eingeklemmt. Vor uns das Tal in dem sie in nächster Zeit arbeiten und leben wird. Ihr Blick schweift über das Tal in die Ferne … im Dunst kann man die Alpen noch als Kontur erkennen.

 

„Beat, ist das dein Zuhause, deine Heimat?“

„Nein!“

„Warst du hier glücklich?“

„Eine gewisse Zeit, ja!“

„Möchtest du wieder hierher zurück?“

„Nein!“

„Wo ist deine Heimat, dein Zuhause?“

„Sinnbildlich gesprochen, steht der Plünjesack noch halbvoll in der Ecke und wartet darauf wieder gefüllt zu werden.“

 „Hast du noch eine Karte?“

Ein Griff in die Hemdtasche.

Ein Griff von ihr in ihre Weste, und sie schmückt ihre Lippen mit einem schönen Rot. Dann presst sie einen Kuss auf die Rückseite der Karte.

„Mein Versprechen!“, kommt mit kratziger Stimme, glänzenden Augen und rotem Kopf, um einen Augenblick später auch mir die Lippen rot zu färben und wortlos meine Karte hinzuhalten. Ihn, den Talisman, lässt sie schnell in ihrer Staude verschwinden.

 

Ich stehe auf und sie synchron mit. Ich muss sie jetzt in meine Arme ziehen. Nein, sie lässt sich hineinfallen! Und ich rieche zum ersten Mal ihren Duft, ihre Marke, und es ist wie Dope … süchtig machend. Nein, es ist keine Sucht, eher das lange gesuchte Elixier. Auch Lidwine hat ihr Gesicht in meiner Halsbeuge, zwischen Hemd und Gilet vergraben.

 

„Beat, ich werde dann aussteigen und du … sofort weiterfahren. Ich hasse Abschiede!“ 

 „Lidwine, ich werde warten bis der Gysler zugesagt hat … sonst bringe ich dich zum Gygax nach Sumiswald.“

Ihr Lächeln und das „Ja“ meint, dass sie es nicht anders erwartet hat.

 

“°°°°°°°°!°°°°°°°°°°°!°°°°°°°°°!°°°°°°°!°°°°°°°“

 

 

©S’Rüebli                                                                                               Ihre Meinung?

 

 

 





Legende

 

Aff = ein Tornister, wenn der Charlie nicht reicht, oder an Stelle vom Charlie.

Chalet des Amies de la Nature = Naturfreundehaus.

Charli oder Charlottenburger = Gepäckrolle der Wandergesellen-, Gesellinnen.

Chräbbele = sanftes Kratzen… oder Kraulen.

Ehrbarkeit = Erkennungszeichen der einzelnen Schächte, Vereinigung unter deren Name man tippelt

Einheimisch = Wenn man von der Walz zurück ist wird man wieder Einheimisch.

First Lady – Firstladdli = Wenn man Lady auf Deutsch (Allemanisch) ausspricht hört es sich an, wie wenn man Latty mit zwei „dd“ ausspricht. Im Berndeutsch also Laddi oder Laddli = Brett.  Wenn Berner sagen „Du bisch mys Fürschtladdli, so ist das die Frau die mir das Dach über dem Haus, also meine Familie zusammen hält.

Fremdgeschrieben = Die Zeit auf der Walz ist man Fremdgeschrieben.

Gatter = Gattersäge, ein Maschinentyp zum sägen von Stämmen zu Bretter und Balken.

Gotte = Patentante; Götti = Patenonkel.

Gottechind im Tütsche! = Patenkind in Deutschland!

Kluft = Bekleidung der Wanderburschen auch der Frauen.

Krauter = Meister bei dem man arbeitet.

Les frais additionne = Zusatzkosten.               

Muntsch = Kuss; Müntschi = Küsse; Müntschelle = Schmuse!

Obermann = Schlapphut der Kluft.

Plünjesack = niederdeutsch, Seesack.

Romandie = französisch sprechender Teil der Schweiz.

Schattebout = niederländisch, flämisch, Schatz, tief sitzend.

Schinigelt, schinigeln = Arbeiten.

Staude = Hemd der Kluft

Stenz = Wanderstock.

 

„Verliebte wollen vom andern, Liebende für den anderen das Beste!“ 

Ernst Festl

 

Walz = Handwerksgesellen-, Gesellinnen auf Wanderschaft.

Waltzing Matilda = Ist das populärste australische Volkslied.

Waltzing bezieht sich auf der Walz sein… Wanderarbeiter.

Matilda = gleich zu setzen mit den Charlie bzw. als Schlafrolle.


Walz 2