Sex-Casting

 

Als Michael, der soeben engagierte Student, der den Assistenten des Aufnahme-stabes zu spielen hatte, seine eigene Schwester unter den Casting-Anwärterinnen sah, wurde ihm flau in der Magengrube. Er konnte sich an fünf Fingern abzählen, was hier gefragt war – und das war kein schauspielerisches Talent. Diese drei „Produzenten“ wollten doch bloß vögeln für lau – das konnten auch die teuren Nadelstreifenanzüge nicht verbergen. Was sollte er denn jetzt bloß machen? Aber diese Überlegung kam zu spät, denn Katja hatte ihn schon entdeckt. „Wieso sagst du Saubär nicht, dass du einen Job hast? Noch dazu so einen? Du weißt doch, dass ich eine Rolle suche! Für diese Gemeinheit, darfst du mir nun den Job besorgen!“

Sie war so richtig sauer, und er hatte ein schlechtes Gewissen ohne Ende. „Komm doch mal mit!“ Er lotste sie in eine kleine Wäschekammer, die am Ende der Etage war. „Du kannst dich da nicht bewerben, Schwesterlein!“, bat er inständig. „Ja, von wegen! Meinst du, du bist der Einzige, der hier Karriere machen kann?“ Katja wurde immer wütender, er konnte es sehen. Was blieb ihm übrig? „Katielein… den Film gibt es nicht, den die hier drehen wollen!“ Sie sah ihn völlig entgeistert an. „Spinnst du? Die machen doch nicht so ein Tamtam mit Imbiss und Getränken, wenn sie gar keinen suchen! Du willst mich bloß nicht dabei haben, du Kotzbrocken!“ Er musste nun raus mit der Wahrheit, sonst würde sie ihn hier und jetzt fressen.

„Kleine! Das sind reiche Ärsche, die einfach mal ihren Spaß haben wollen!“ – „Hä? Und dazu veranstalten sie ein Casting? Du bist ja nicht bei Trost!“ Fragend sah sie ihn an. „Die veranstalten nicht bloß ein Casting. Die veranstalten hier noch ganz was anderes!“, knurrte er. Warum hatte er sich darauf eingelassen? Er hatte doch von Anfang an vermutet, dass das ein Spiel mit Haken und Ösen war, aber er wollte einfach dran glauben, nun endlich einen Job ergattert zu haben. Katja aber, nein, die konnte er da nicht reinschicken. Nicht zu diesen geilen Böcken! Nicht nachdem, was die Kleine erzählt hatte, die eben ihr „Vorsprechen“ hinter sich gebracht hatte.

„Hey!“ Jemand riss die Türe auf. „Du willst dich wohl nach oben vögeln?“, tönte eine wütende, weibliche Stimme. „Jetzt bin ich dran, und ich geh jetzt da rein! Klar?“ Michael nickte. „Klar! Du bist dran! Geh nur!“ Sie drehte sich um und verschwand. Katja schaute ziemlich nachdenklich. „Kein Film? Ehrlich, Bruder?“ – „Nur eine „erotische Vorleistung“ deinerseits! Ehrlich, Schwester!“ Er hatte sie überzeugt. „Was tun wir nun? – Das ist doch eine bodenlose Frechheit!“ Sie war jetzt erst recht sauer, aber ebenso ratlos. Er nickte. „Und du bist sicher?“ Er nickte erneut. „Dann ruf ich jetzt Mama an!“, verkündete seine Schwester. „Die weiß Rat!“ Und Michael nickte zum dritten Mal.

Katja hatte ihrer Mutter diesen unglaublichen Sachverhalt geschildert, und sie hatte ihr Hilfe versprochen. Sie hatte keine Sekunde gezweifelt an dieser Geschichte, und sie fand, ihre Tochter habe ganz Recht. Es war einen bodenlose Frechheit! Und so machte sie kurz zwei Telefonate… sie hatte da einen guten Freund, der Regisseur war, und dann kleidete sie sich an – passend für das Casting. Sie war nicht umsonst Schauspielerin, und noch dazu eine ziemlich erfolgreiche. Und diesen drei „Produzenten“, würde sie jetzt einheizen! Sie schmunzelte. Sie würden nicht bemerken, dass sie nicht die Altersklasse war für den Film, den sie angeblich drehten, dafür würde sie sorgen.

Sie suchte ein bestimmtes ärmelloses, aber hochgeschlossenes Sommerkleid, hohe, weiße Pumps und die blonde Perücke mit dem eleganten Knoten heraus. Dann schminkte sie sich genau passend zu der Frau, die sie darzustellen gedachte: Catherine Tramell in Basic Instinct… Ja, sie freute sich auf die Rolle! Nebenbei beschloss sie, ihren Kindern nun doch unter die Arme zu greifen, auch wenn die beiden es ohne Mutters Kontakte schaffen wollten. Wer wusste schon, was geschehen wäre, hätte Michael dieses Sex-Casting nicht durchschaut?

Als die Lady hüftschwingend an der langen Reihe junger Mädchen vorbeiging, grinste sie in sich hinein. Michael erkannte sie nicht! Das war gut. „Hey Alte!“ tönte es aus der Mädchenschar. „Stell dich hinten an!“ Auch ihr Sohn setzte an: „Sie müssen sich…“ - „Muss ich nicht!“, unterbrach sie ihn leise. Mit großen Augen starrte er sie an. „Kathie…!“ Er schnappte fassungslos nach Luft, und seine Schwester grinste breit. In dem Augenblick, in dem die Türe aufging und eine niedliche Blondine herausschlüpfte, schritt sie hoch erhobenen Hauptes hinein. Der Tumult in ihrem Rücken war nicht zu überhören, und so schloss sie die Tür mit einem lauten Knall und hatte somit auch die ungeteilte Aufmerksamkeit der „Produzenten“.

Langsam und betont aufreizend ging sie auf die drei zu. „Meine Herren…“ Ihre rauchige sexy Stimme wirkte wie immer. Die Drei setzten sich in Positur. Es würde ein Leichtes sein. Diese jungen Dinger draußen vor der Türe, konnten ihr nicht das Wasser reichen in punkto Ausstrahlung und Sexappeal. „Haben Sie vielleicht, einen Stuhl für mich?“ Sofort sprangen alle drei auf und standen sich gegenseitig im Weg. Den rechten kannte sie doch! Er war der Direktor ihrer Bank. Sie konnte nur hoffen, dass er sie mit dieser Perücke nicht erkennen würde. Aber Traugott schnappte sich schon den nächstbesten Stuhl und brachte ihn diensteifrig zu ihr. Ihr Lächeln ließ ihn auf Wolken schweben. Die musste er haben! Die, und keine andere! Seine Freunde hatten genau dieselben Gedanken, das wusste er.

Madame setzte sich elegant und schlug die Beine übereinander. Der ohnehin kurze Rock rutschte höher, und drei lüsterne Blicke streichelten ihre Beine von den hohen Schuhen bis zum hochgerutschten Saum des engen, weißen Kleides. Madame lächelte selbstsicher, öffnete ihre Clutch und förderte ein silbernes Zigarettenetui zu Tage. Elegant nahm sie sich eine Zigarette und führte sie an diesen sündigen roten Mund. Lasziv leckte sie sich die Lippen und steckte die Zigarette dazwischen – und wartete. Im Nu streckten sich ihr drei Feuerzeuge entgegen. Sie wählte Traugotts Flamme und sah ihn mit einem verführerischen Augenaufschlag von unten an. „Danke!“, hauchte sie.

Die eifrigen Schauspiel-Häschen hatten immer gleich losgesprudelt, und so brauchten die Freunde nur zu reagieren. Diese Lady hier saß da wie die Ruhe selbst - und rauchte. Was sollten sie denn nun tun? Sagen? Wie dieses lüsterne Weib schon an der Fluppe zog! Das musste einfach wirken, und so hatten die drei in kürzester Zeit einen Ständer in der Hose. „Wir wollen natürlich wissen, ob Sie Talent haben“, begann Willibald und räusperte sich. Er hatte es doch schon ein Dutzend Mal gesagt heute: „Spielen Sie uns doch eine Szene vor, wo Sie voll Verlangen auf ihren Freund warten.“ Aber sie lächelte nur aufreizend und sog zweideutig an der Zigarette. Ihm wurde heiß. Was für ein Weib!

Langsam zog sie ein Knie an, streichelte die eine Wade mit der anderen und schlug die Beine auf der anderen Seite übereinander. Den drei Freunden fuhr ein wollüstiger Blitz in den Unterleib. Sie alle kannten Basic Instinkt. Hatte sie nun… oder hatte sie nicht? „Möchten Sie vielleicht etwas trinken… Madame?“ Wie hinreißend sie Traugott anlächelte. Verdammt! Willibald hätte sich vor Wut in der Luft zerreißen können. Klar ging man mit so einer Frau nicht um, wie mit den kleinen möchte-gern Schauspielmädels. Sein Freund hatte das begriffen – und nun die Nase vorn. „Gerne!“ Und er griff schon zum Telefon und bestellte beim Zimmerservice Champagner. Die Orgie war vergessen. Sie wollten alle drei diese eine!

Noch bevor der Champagner kam, meldete sich Ehrenfried zu Wort: „Wir müssen natürlich auch wissen, ob Ihre Figur… für die Rolle passt.“ Lächelnd schaute sie an ihrer hinreißend schlanken Figur hinunter und nahm die Blicke der Männer gleich mit. Sie war so verdammt selbstsicher. „Glauben Sie nicht…?“ Und dieses sexy Timbre. Diese Stimme ging ihnen direkt unter die Haut. Ehrenfried räusperte sich nervös, aber er wollte noch nicht klein bei geben: „Wie viel davon wollen Sie uns zeigen… Madame?“ Ein perlendes Lachen erklang, das den Freunden den Schweiß ausbrechen ließ, und sie rieb wieder diese aufreizenden Schenkel aneinander, um sie dann eine Handbreit auseinander zustellen. Verdammt! Die direkte Aussicht hatte nur einer: Traugott! Und dem wurde gerade sehr schwül zumute. Sein Mund war staubtrocken. Sah er wirklich, was er da sah? Oder wollte er nur immer schon so eine rasierte Muschi geboten bekommen? Der kurze Rock warf einen Schatten. Egal! Es war geil, so geil… und er war kurz vor einem Herzinfarkt.

In diesem Augenblick klopfte es, der Kellner brachte den Champagner, und Madame überkreuzte ihre Beine. Die drei Herren beeilten sich einen guten Eindruck zu machen und stießen mit der Lady an. „Sie sind wie geschaffen… für die Hauptrolle!“ Willibald holte auf. Zumindest dachte er das, als er in diese strahlenden Augen sah, die ihn, nur ihn, liebkosten. „Ich gebe Ihnen gern eine… kleine Kostprobe!“, lächelte sie verlockend und ihre Zungenspitze leckte sündig. „Allerdings… werde ich Ihnen… die Augen verbinden!“ Wahnsinn! Das war es! Das würde der beste, aller Streiche werden. Sie würden diese roten Lippen spüren, die so unsagbar gierig an der Zigarette sogen. Folgsam setzten sie sich in ihre Sessel und Madame kam näher… lächelnd beugte sie sich zu Willibald hinunter und knüpfte seine Krawatte auf, drehte den Stuhl um und verband ihm damit die Augen. Dann küsste sie ihn zärtlich auf die Stirn und trat zu Traugott. Er strahlte sie an, wie ein kleiner Junge an Weihnachten und ließ sich brav die Augen verbinden. Auch er bekam einen Kuss auf die Halbglatze und dann war Ehrenfried dran, der ihr die Krawatte schon lächelnd entgegen hielt. „Danke schön!“ Bussi!

„There is no business, like showbusiness!“ Madame trank den Champagner in einem Schluck aus und holte ihr Handy aus der Handtasche. Wollt ihr mir nicht ein bisschen zur Hand gehen?“, hauchte sie sündig, und die Herren öffneten dienstbeflissen ihre Hosen und holten heraus, was es herauszuholen gab - und das war nicht wenig. „Donnerwetter, meine Herren! Sie versprechen wirklich nichts, was Sie nicht halten könnten!“, flüsterte sie frivol. Lächelnd ging sie von einem zum anderen und träufelte Schampus aus der Flasche auf die erregten Flöten. „Ich liebe… Champagnerflöten!“, verkündete sie triumphierend. „“Du hast den Job jetzt schon!“, keuchte Ehrenfried, als es Klick machte. „Auf… unser gemeinsames Projekt!“, lenkte Madame ab und fotografierte eifrig weiter.

Jeder, der drei Freunde lauschte gierig. Wer war der erste, der in den Genuss kam? Wie würde sich das anhören. Sie konzentrierten sich angestrengt, lauschten… „Ihr habt doch sicher nichts dagegen, wenn ich noch ein, zwei Kollegen für… das Projekt vorschlage? Es wird sicher großartig!“ Dreistimmige Zustimmung schlug ihr entgegen. „Ich lege die Namen hierher auf den Schreibtisch – zu meiner Handynummer…“

Als sie den Schlüssel aus dem Schloss zog und leise die Türe öffnete, drehte sie sich noch einmal um. „Es war mir ein Genuss!“ Dann verließ sie den Raum, schloss die Türe und sperrte ab. „Alle Rollen sind vergeben!“, verkündete sie. „Sie können alle nach Hause gehen!“ Ein kurzer Tumult war die Folge, aber letztendlich war man es gewöhnt, keine Rolle zu bekommen. Schnell waren die Kandidatinnen verschwunden, und eine Klasse-Schauspielerin lächelte ihre Kinder an. „Wir haben uns geeinigt. Es wird doch einen Film geben - einen guten! Und ihr seid dabei!“ – „Wie hast du das gemacht, Mum?“, fragten sie völlig synchron, aber Sharon Stone lächelte nur unergründlich...

 

- und drinnen klingelte leise das Telefon.


© Anna