Verführt

inspiriert von BvS

"Kunst verbindet"


 

Wie ich sie hasse, diese Mal- und Zeichenstunde beim Rumpelstilzchen.

Er hat so etwas von „Teile und Herrsche“ an sich.

Trotzdem fällt es mir schwer, ihn ernst zu nehmen.

Wie kann ein Mann nur solche roten Haare haben?

Das ist völlig daneben.

Dazu groß und so spindeldürr.

Seine Hosen, weit und altmodisch - mit Bundfalten.

Wer trägt denn heute noch so etwas?

 

Flüchtig denke ich noch, dass er anziehen könnte was er wollte,

er wird immer wie ein wandelnder Kleiderständer aussehen.

Dabei soll er ein echter Künstler sein!

 

Wenn ich mir dagegen Jonny Depp anschaue.

Das ist ein Mann!

Ein Traum - diese Ausstrahlung, das Timbre und wenn er sich bewegt…

Ach ja!

 

Dagegen unser Rumpelstilzchen!

Möchte mal wissen wer eigentlich auf diesen Namen gekommen ist?

Bösartig ist er ja nicht.

Einen „Dauermeckerorden“ hätte er sich dagegen schon verdient.

 

Pumuckl wäre treffender für ihn.

Der hatte schließlich auch rote Haare, ist aber gewitzt und lustig dazu.

Das geht unserem Superkünstler natürlich vollkommen ab.

Lustig habe ich ihn noch nie erlebt.

 

Aber das letzte Jahr an der Penne werde ich auch noch überstehen,

egal welcher durchgeknallte Typ mich unterrichtet!

 

***

 

Was hat mich eigentlich geritten,

diese Stelle an einem Gymnasium für Mädchen anzunehmen?

Wahrscheinlich bloßer Erhaltungstrieb,

schließlich muss ich auch leben und bin kein Hungerkünstler.

 

Dieser Gänsestall ist ja nicht zum aushalten.

Welche Gehirnwindungen haben sie jetzt wieder aktiviert,

um über die Aufgabe, einen weiblichen Akt von vorn zu zeichnen,

in solches Geschnatter aus zu brechen?

 

 

Womit habe ich das verdient?

Lange ertrage ich diesen Zustand nicht mehr.

 

Mir muss endlich etwas einfallen,

diese halb erwachsenen Frauen in den Griff zu bekommen.

Ha! Halb erwachsene Frauen?

Gänse!

 

"Junge, bleib ruhig, raste jetzt nicht aus!"

 

***

 

Mann, hat Rumpelstilzchen heute schlechte Laune.

Wie er das Arbeitsmaterial austeilt und die Aufgabe erklärt.

Friss oder stirb.

Aber nicht mit mir.

Ich habe heute keinen Bock drauf, lieber an einem anderen Tag.

Ich kichere albern vor mich hin und fange einen Rüffel ein.

 

Die Zwillinge nerven auch noch.

Die Jüngere beginnt gerade ihre Bluse auf zu knöpfen.

Albern! 

 

Als wenn sie jemanden beeindrucken könnte!

Den Anpfiff hat sie sich verdient,

Bohnenstange passt nun mal nicht zum Kleiderständer.

 

Mehr Esprit bitte!

Nicht gar so plump!

Wir sind doch schließlich am Gymnasium und nicht in der Mittelschule.

 

Die Zimmertür geht auf.

Vielleicht passiert jetzt endlich mal etwas Interessantes.

 

***

 

Die Zwillinge sind erst mal ruhig gestellt.

Der Eintag ins Klassenbuch über „Erregung öffentlichen Ärgernisses“

wirkt sicher eine Weile bei den Töchtern des Herrn Oberstaatsanwaltes.

Man muss nur wissen wie!

Ha!

 

Wer kommt denn jetzt noch zu spät?

Zornig funkle ich sie an und blaffe:

„Setzen! Mund halten! Akt zeichnen!“

Verdattert macht sie den Mund wieder zu

und geht zu dem einzigen noch freien Arbeitsplatz.

 

Gedankenverloren schaue ich ihr hinterher.

Registriere… höchstens 16, knabenhafte, wohlproportionierte Gestalt,

anmutige Bewegungen, fast schüchtern - ergo nicht aufmüpfig.

 

Ein befriedigendes Lächeln stiehlt sich in meine Mundwinkel.

 

Meinen Kontrollgang beginne ich am anderen Ende des Raumes.

Korrigiere hier, gebe dort einen Tipp.

Von weitem sehe ich schon, dass sie einen Akt von hinten zeichnet,

so wie die Vorlage es zeigt.

Blatteinteilung und Proportionen stimmen.

Ich bin verblüfft.

 

Jetzt schaue ich mir die Schülerin genauer an.

Gepflegt, selbstbewusste Körperhaltung.

Sie scheint reifer zu sein als die übrigen Gänschen, obwohl sie jünger aussieht.

„Nicht schlecht, was sie da zu Papier bringen, aber...

die Aufgabe war, einen weiblichen Akt von vorn zu zeichnen.

Sie kennen doch sicher den Spruch vom zu spät kommen...“

 

Mich zerreißt es fast, genauso wie das Papier in meinen Händen.

 

Aus reinem Selbstschutz schaue ich sie von oben nach unten mit hochgezogenen Augenbrauen, bedauernd und etwas hochmütig an.

„Noch mal von vorn... meine Dame.“

 

Ich flüchte regelrecht ans Fenster.

In meinem Kopf herrscht Chaos, in meinen Lenden zieht es verdächtig.

 

"Reiß dich zusammen, sie ist deine Schülerin!"

 

Verstohlen schaue ich zurück.

Diese halbtransparente Bluse lässt die kleinen festen Brüste

mit dunklen Knospen erahnen.

Sie braucht eigentlich keinen Büstenhalter, trägt aber einen,

er ist genauso aufreizend durchscheinend wie ihre Bluse.

Der Mini gibt den Blick auf ein winziges weißes Dreieck frei.

 

Aktzeichnen kann sie!

 

 

Meine Gehirnwindungen verknoten sich immer mehr.

Ich bin der Lehrer!

 

Ich muss den anderen meine Aufmerksamkeit widmen,

nehme den Rundgang erneut auf.

 

Tief durchatmen!

Glück gehabt, der Kelch ist an mir vorbei gegangen.

 

***

 

Was hat ihn denn so abgelenkt?

 

Oh, die Ärmste, wie er da steht und sie so von oben fixiert.

Sieht aus als wollte er sie genauso in der Luft zerreißen

wie das Blatt mit dem wunderschönen Rückenakt.

Wirklich Pech gehabt die Gute,

aber er hat ihr die Aufgabe nicht richtig erklärt, das ist ungerecht!

Bedauerlich, dass er das schöne Bild zerreißt.

 

Doch Rumpelstilzchen und nicht Pumuckl!

 

Wenn ich nur auch so schön zeichnen könnte.

Mein Akt sieht eher aus wie eine Comicfigur für Männer, so ausladend.

Hm, ich werde das nie bringen.

Ist für mich auch nicht so wichtig, schließlich will ich Biochemie studieren.

Dafür reichen meine Zeichenkünste.

 

Wer ist aber die Unbekannte?

Ich habe sie noch nie gesehen.

Neue werden meist zu Schuljahresbeginn in der Klasse vorgestellt.

Vielleicht war sie krank und ist heute zum ersten Mal da.

Na, danke auch!

Sie muss einen tollen Eindruck von der Schule haben.

 

Irgendwie tut sie mir leid.

Ich werde mich in der Pause um sie kümmern.

Sie sieht eigentlich sehr nett aus.

Bis dahin ist es aber noch ein gutes Stück Arbeit.

 

Ich spüre ihn hinter mir, wie er die Luft leicht durch die Zähne zieht

und ducke mich vorsichtshalber, gefasst auf nichts Gutes.

 

Mit zwei schnellen Schritten steht er wieder hinter der Neuen.

Erstaunt höre ich ein „Donnerwetter!“ von ihm.

Wie ein staunendes Fragezeichen steht er neben ihr,

greift nach der Zeichenkohle, verbessert oder ergänzt etwas.

 

Ich kann nichts sehen!

 

Jetzt… ihr Lächeln im Profil, als sie sanft über seine Finger fährt

und dabei den Stift ergreift.

Grrr... raffiniert.

 

Ein kurzer Blick und er beugt sich leicht vor.

 

Meine Zeichnung ist vergessen.

Es wird spannend, da liegt was in der Luft.

Das leichte Flirren kann ich riechen.

 

Er zeichnet wieder, schiebt sich den Stift hinter das rechte Ohr

und wischt mit den Fingern.

 

Wie unbeabsichtigt legt sich seine Hand nahe dem Hals auf ihren Rücken.

 

Er raunt ihr etwas von Fülle ins Ohr.

Lächelnd wendet sie sich ihm zu, greift sich den Stift von seinem Ohr

und streicht wie zufällig mit dem kleinen Finger über seine Wange.

Ihr Lächeln ist bezaubernd verführerisch.

 

He! Sie macht ihn ja richtig an!

 

Er beugt sich weiter vor.

In der viel zu großen Hose zeichnet sich ein Knackarsch ab.

Wow, das sieht ja so was von geil aus.

Er scheint ja doch ein Mann zu sein.

 

Sein Daumen macht sich selbständig und kreist zärtlich auf dem Ansatz ihres Halses.

 

Mir wird ganz anders.

Wärme steigt in meinen Bauch.

Huch, das wird heiß...

 

Sie wechseln sich ständig mit Zeichnen ab!

 

Ich sehe nichts!

Ob die Anderen es bemerkt haben?

Anscheinend nicht.

Vielleicht träume ich nur.

 

Nein!

 

Ein ganz leichtes, leises, gurrendes Lachen steigt aus ihrer Kehle.

 

Seine Wangen haben eine leichte Röte angenommen.

Die Körperhaltung zeigt fragendes Verlangen.

 

Ich atme tief ein.

Das ist so erregend – berauschend.

Wenn mich mein Freund doch nur einmal so begehren würde.

Ich glaube, mein Höschen wird feucht.

 

Sie steht auf.

 

Er, immer noch ein Fragezeichen, mit leichter Röte und einem Dackelblick.

Ist das süß!

Sie hat ihn um den kleinen Finger gewickelt.

Und wie!

So gekonnt, als wenn gar nichts wäre.

Eine unsichtbare Leine scheint ihn an sie zu ketten.

 

Ein wissender, lasziver Augenaufschlag von ihr.

 

„Ach ja!

Ich soll Ihnen ausrichten,

dass Frau Mertens morgen Ihre Stunden übernimmt. -

Wie gewünscht!

Aber jetzt muss ich wieder zurück - ins Sekretariat!

Und danke für Ihre „Nachhilfe“!“

 

Es zerreißt mich fast.

Diese Pointe ist umwerfend.

 

Aus unserem Rumpelstilzchen ist ein bettelnder Froschkönig geworden,

der geküsst werden möchte.

 

Vielleicht wird ein Märchen wahr.

 

© murr

 

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